
von Thomas Schneider
Lifestyle-Kirche ist ein neologistischer Begriff, eine Wortneuschöpfung, die seit ungefähr drei Jahrzehnten herumgeistert und von Journalisten und Religionswissenschaftlern für eine bestimmte Erscheinungsform christlicher Gemeinden verwendet wird. Und das, wie ich meine, zu Recht.
In deutschen Medien und in kirchenwissenschaftlichen Beiträgen wird die Bezeichnung Lifestyle-Kirche regelmäßig verwendet – etwa im Zusammenhang mit International Christian Fellowship (ICF), Christian City Church (C3) oder Hillsong Church – als Zuschreibung für Gemeinden mit starkem Event-, und Jugendfokus.
ICF wurde 1990 in Zürich (Schweiz) gegründet und will nach eigener Darstellung christliche Gemeinde „neu erleben“ lassen; Gemeinde „am Puls der Zeit“, lebensnah und kreativ. ICF versteht sich als „überkonfessionelle Freikirche auf biblischer Grundlage“. Auf der Website von ICF München heißt es: „Wir feiern gemeinsam den Glauben an Gott, integrieren ihn im Alltag und leben freundschaftliche Beziehungen.“ ICF verbindet Evangelikalismus mit Lifestyle-Elementen, mit jugendlicher Ansprache und mit charismatischem Einfluss. In manchen der etwa 30 ICF-Gemeinden in Deutschland werden Geistesgaben wie Heilung und prophetische Rede besonders betont. Der Schwerpunkt auf Lebensstil und Erfolg verdrängt die theologische Tiefe, also das Wort Gottes über Sünde, Buße, Umkehr und ein Leben in Christus.
C3 wurde 1980 in Sydney (Australien) gegründet und tritt in Deutschland als unabhängige freikirchliche Gemeindebewegung auf, mit pfingstlich-charismatischer Prägung. So heißt es z. B.: „Wir sind … pfingstlich-charismatisch, wir glauben, dass der Heilige Geist uns leitet und führt.“ C3 legt den Fokus auf moderne Musik- und Gottesdienstgestaltung. Die C3-Gemeinde in Hanau spricht davon, dass die Musik moderner Lobpreisband „rockig“ sei. Die Nähe zum Wort Gottes durch intensive Bibelexegese spielt eine untergeordnete Rolle.
Hillsong Church ist eine 1983 in Sydney (Australien) gegründete, international bekannte, charismatische Freikirche und Mitglied im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP). Die Betonung liegt auf zeitgemäße Anbetungsmusik, eventartige Gottesdienste, große Musikproduktionen, internationale Vernetzung, Erfolg, Segnung, positive Lebensgestaltung, Heilung, Prophetie, Wunder. Hillsong kombiniert charismatische Pfingstlehre, Event-Kultur und intensive Worship-Musik. Immer wieder gab es mediale Kritik an Hillsong-Leitern und einem verfehlten Einsatz von Spendengeldern.
Musik, Licht, Bühnenperformance und Atmosphäre
Sind bei ICF die charismatischen Elemente (Heilung, Wunder, Wohlfühlen, Geistesgaben, Erfolg etc.) eher moderat ausgeprägt, so kommen sie in der C3-Bewegung stark und bei Hillsong sehr stark zum Ausdruck. Alle drei (ausgewählten) Gruppierungen sind – der Moderne angepasst – erlebnisorientiert und gefühlsbetont ausgerichtet. Biblische Lehre wird vom Eventgedanken verdrängt. Die Gottesdienste sind mit Musik, Licht, Bühnenperformance und Atmosphäre stark auf Erlebnis und Emotionen ausgerichtet. Themen wie Erfolg, Glück, Selbstverwirklichung, Beziehungen, Motivation haben Oberhand.
Das, was der biblische Auftrag der Gemeinden und Schwerpunkt in Gottesdiensten sein muss, den Menschen Sünde, Buße und Gericht vor Augen zu halten und sie zu einer heilschaffenden Ausrichtung auf Christus zu führen, bleibt in Lifestyle-Kirchen größtenteils auf der Strecke. Professionelles Auftreten, Produktvermarktung mit Kundenbindung und Eventkultur übertünchen das Wichtigste: Gottes Wort. Man folgt mehr zentralen Leitfiguren oder charismatischen Pastoren und Predigern und weniger Jesus Christus. Man sucht Gemeinschaft und Wohlgefühl, aber keine Lehre, die eine Veränderung im persönlichen Leben abverlangt.
Nüchternheit im Glauben
Eine christliche Gemeinde muss sich an den Maßstäben der Bibel – des Alten und Neuen Testaments -messen lassen und nicht am Erfolg, an Besucherzahlen oder an moderner Bedeutsamkeit. Der Auftrag der christlichen Gemeinde soll Gott anbeten in Geist und Wahrheit (Johannes 4,24), das Evangelium unverfälscht verkündigen (Markus 16,15), zur Buße rufen (Apostelgeschichte 17,30), die Gläubigen im Wort Gottes unterweisen (Matthäus 28,19-20) und Heiligung fördern (1. Thessalonicher 4,3). Verlagert bzw. dezimiert eine Kirche diese zentralen Punkte auf Selbsterfüllung, Unterhaltung und Wohlbefinden, dann läuft sie Gefahr, das Evangelium zu verwässern.
Gott spricht durch sein Wort deutlich über Zeiten, in denen Menschen lieber das hören wollen, was ihnen gefällt (2. Timotheus 4,3): „Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen werden, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer beschaffen, nach denen ihnen die Ohren jucken.“ – Im 2. Brief des Paulus an Timotheus (3,5) heißt es: „Sie werden den Schein der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen.“
Es reicht nicht, von der Liebe Gottes zu reden
Was ist das Problem der Lifestyle-Kirchen? Sie können ein durchaus christliches Äußeres haben. Schaut man aber in die Bibel und prüft, ob diese Gemeinden den Auftrag des HERRN Jesus Christus erfüllen, stellt man leicht fest, dass die klare und reine Botschaft, Gottes Heiligkeit, Sünde und Buße ausblendet werden. Es reicht eben nicht, von der Liebe Gottes zu reden oder von der Wichtigkeit von Gemeinschaft. Zudem ist es verwerflich, Menschen mit moderner Musik, hochtechnisierter Kulisse und Showpräsenz anzulocken, ihnen aber das volle Evangelium vorzuenthalten.
Wenn das Lebensgefühl im Vordergrund steht, bekommt die biblische Wahrheit geistliche Schieflage. Am Sonntag himmelhoch jauchzend, am Montag zu Tode betrübt. Menschen, die vielleicht ohnehin in seelischen Nöten stecken oder mit einer psychischen Belastung zu kämpfen haben, werden in Stimmungsschwankungen hineinmanövriert, aus denen sie nur schwer wieder herausfinden. Viele Seelsorgegespräche, die ich mit Glaubensgeschwistern aus charismatisch-pfingstkirchlichen Gemeinden geführt habe, waren sehr aufschlussreich.
Nüchternheit im Glauben ist eine der wertvollsten Komponenten, um keine geistlichen Höhenflüge zu bekommen oder gar eine schmerzhafte Bruchlandung zu erleben. Nicht das Lebensgefühl – das die Seele eines Menschen schwer täuschen und enttäuschen kann – darf im Vordergrund stehen, sondern Gottes Wort, das über Buße und Vergebung den Heiland Jesus Christus in den Weg führt.
Ein gutes Lebensgefühl rettet keinen Menschen
Eine christliche Gemeinde steht immer in der Gefahr, sich vom Teufel einreden zu lassen, was doch alles wichtig sei für ein gelingendes Leben und was alles notwendig sei, um möglichst die großen Säle und Hallen (die oft viel Geld schlucken) mit Menschen zu füllen. Es geht nicht um die Frage, was der Mensch will, sondern was Gott will. Und ER will nichts anderes, als dass die Menschen, die in die Gottesdienste kommen, „zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Timotheus 2,4).
Um ein gutes Lebensgefühl zu haben, dazu muss der sinnsuchende Mensch keinen Lifestyle-Gottesdienst besuchen. Ein gutes Lebensgefühl kann der Mensch auch von der ungläubigen Welt bekommen: zu einer Party, zu einem emotional hochgeschaukelten Konzert oder auch zu einem gemütliche Beisammensein mit Freunden.
Gerettet werden kann der erlösungsbedürftige Mensch nur, wenn er bereit ist, mit Gehorsam und Treue Gottes Wort zu lesen und im täglichen Leben zu befolgen. Wer nach 2. Korinther 4,10 „allezeit das Sterben Jesu“ an seinem Leibe tragen will, „auf dass auch das Leben Jesu“ an seinem „Leibe offenbar werde“, verzichtet auf hochgezüchtete geistliche Artistik und Hochgefühle, die Lifestyle-Kirchen im Gepäck haben. Der Teufel freut sich, wenn in einer christlichen Gemeinde der Mensch und nicht Gott im Mittelpunkt steht; wenn sein heiliges Wort nur oberflächlich angekratzt wird, aber keinen Tiefgang hat; wenn Musik und Erlebnisse biblische Verkündigung ersetzen; wenn Erfolg an Zahlen gemessen wird und nicht an der Treue zum Wort Gottes.
Lifestyle-Kirchen sind oft gut gemeint und sicher für viele kulturell ansprechend, aber aus bibeltreuer Sicht sind sie kritisch zu prüfen. Sobald die biblische Wahrheit der Popularität oder dem Wohlgefühl geopfert wird, verliert eine christliche Gemeinde ihre geistliche Kraft, ihren Auftrag, ihre Bestimmung. „Wenn das Salz kraftlos geworden ist, womit soll man salzen?“ (Matthäus 5,13)