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Der Kampf um die Wahrheit (Teil 4)

Foto: AG WELT

von Thomas Schneider

In seinem Buch „Die Bibelfälscher. Wie wir um die Wahrheit betrogen werden“ schreibt der 2020 verstorbene und damalige emeritierte Professor für Neutestamentliche Theologie Klaus Berger: „Die historisch-kritische Exegese der letzten 200 Jahre hat alles Porzellan im Haus der Christenheit zerschlagen, bis hin zur letzten Blumenvase“.

Berger kritisiert, daß an allen theologischen Fakultäten im deutschsprachigen Raum, aber auch an manchen freikirchlichen Ausbildungsstätten, die Bibel historisch-kritisch ausgelegt wird. Er schreibt: „Viele Theologiestudenten brechen ihr Studium ab, weil sie während des Studiums ihren Glauben verlieren. Das hat vor allem mit der an den Universitäten betriebenen Bibelauslegung zu tun. Die Bibel wird auseinandergenommen und demoliert, so daß von ihr fast nichts mehr übrig bleibt. Um das auszuhalten, muß man schon einen außerordentlich gefestigten Glauben haben.“

Berger zitiert u.a. den Marburger Neutestamentler Rudolf Bultmann, einen der wohl prominentesten Vertreter der historisch-kritischen Bibelauslegung, dessen Literatur Hauptbestandteil der theologischen Ausbildung künftiger Pfarrer ist. Bultmanns Theologie lehrt: „Erledigt sind … die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Christi; erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden ‚Menschensohnes’ und des Entrafftwerdens der Gläubigen in die Luft ihm entgegen (1. Thessalonicher 4,15ff). Erledigt ist durch die Kenntnis der Kräfte und Gesetze der Natur der Geister- und Dämonenglaube … Die Wunder des Neuen Testamentes sind damit als Wunder erledigt.“

Nach Bultmann und Kollegen existiert nur das, was physikalisch nachweisbar ist und mit Naturgesetzen übereinstimmt. Viele Naturwissenschaftler wissen, daß diese These nicht mehr tragfähig ist. In der Bibelauslegung aber wird die Bultmannsche Vorstellung aufrechterhalten. Eine Hinterlassenschaft, die bis heute in vielen Köpfen und Herzen herumschwirrt – mit schwerwiegenden Folgen!

Der 1965 in Bottrop (Ruhrgebiet) geborene und für seine Reportagen mehrfach ausgezeichnete Journalist Markus Günther schrieb Ende 2014 in der FAZ (da wurde so ein Beitrag noch abgedruckt), daß selbst unter den Gläubigen zentrale Inhalte der christlichen Botschaft massenhaft abgelehnt werden. Günther schreibt: „Daß nur ein Drittel der Deutschen an die Auferstehung Christi glaubt, müßte die Kirchen schon einigermaßen beunruhigen… Doch es ist noch viel schlimmer: Selbst unter den Gläubigen werden zentrale Inhalte der christlichen Botschaft massenhaft abgelehnt. 60 Prozent glauben nicht an ein ewiges Leben. Dagegen glaubt jeder vierte Deutsche, daß die Begegnung mit einer schwarzen Katze Unglück bringt. An Ufos glauben zwischen Flensburg und Oberammergau mehr Menschen, als ans Jüngste Gericht. Willkommen in der deutschen Diaspora.“

Nach Günthers Ansicht bleibe für die große Mehrzahl der Menschen in- und außerhalb der Kirche die Frage nach Gott ein Leben lang ein Thema, mit dem sie nie ganz fertig werden. Es gebe sie noch in großer Zahl, die Suchenden und Zweifelnden; die, die nach Gott fragen und neugierig sind auf Antworten – aber die Kirchen erreichten diese Menschen immer seltener.

„Aber warum finden die Suchenden die Wegweiser nicht mehr? Warum passen Angebot und Nachfrage nicht zusammen?“ fragt dieser Journalist und stellt fest: „Wo sich die Kirche nicht auf zeitlose, unverfügbare Wahrheiten beruft, entlarvt sie sich selbst als reines Menschenwerk… Im Versuch, niemanden zu verprellen und den Zugang zum Glauben möglichst leicht zu machen, wurde vieles ein bißchen weichgespült: Aus Jesus als ‚Sohn Gottes‘ wurde Jesus, ein vorbildlicher Mensch wie Buddha und Gandhi auch. Aus der Auferstehung Christi wurde eine Legende, die man nicht wörtlich nehmen soll, sondern mehr so im Sinne von ‚Wer im Herzen seiner Lieben lebt, ist nicht tot‘. Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Verkündigung besteht oft nur noch aus einer Wohlfühlprosa, die ein möglichst breites Publikum ansprechen soll und gerade dadurch beliebig wirkt. Frieden in der Welt, mehr Gerechtigkeit für alle, auch selbst nicht immer so egoistisch sein – darauf kann sich jede Versammlung halbwegs anständiger Menschen einigen. Ein Appell der Unesco oder von Greenpeace klingt auch nicht viel anders. Gott braucht’s dafür nicht.“ – So die Einschätzung des Journalisten Markus Günther in der FAZ.

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Im 5. Teil der Reihe „Der Kampf um die Wahrheit“ geht es um Pilatus, Lessing und Volksverhetzung.

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